Der Gelsenkirchener Stadtteil Schalke gilt als ein Bezirk mit hohem Erneuerungsbedarf. Kinder und Jugendliche sind in Ihrem Aufwachsen mit besonderen Umständen und Herausforderung konfrontiert, die nicht selten als „schlechter Einfluss“ zu bezeichnen sind und deren weiteres Leben nicht selten negativ beeinflussen.
An dieser Stelle setzt das Projekt „Buddies“ des Jugendtreffs des Jugendnetzes Schalke – mit dem Namen „Amigonianer“ – an. Es handelt sich um ein Patenprojekt, bei dem Student:innen zu ehrenamtlichen „Buddies“ ausgebildet werden und im Anschluss als Mentor:innen für Jugendliche im Alter zwischen 12 und 17 Jahren, die aus belatsteten Verhältnissen im Bezirk Schalke stammen, fungieren. Der Kontakt wird durch das Jugendamt vermittelt, welches häufig durch die Polizei, Schulen oder Beratungsstellen über die Jugendliche informiert wird, für die eine Projektteilnahme und die Begleitung durch einen „Buddy“ besonders nützlich wäre.
Zur Zielgruppe gehören auf der einen Seite eher ruhige Jugendliche, die gefährdet sind, Opfer von Mobbing zu werden; beispielsweise da sie sich im Privatleben in Parallelwelten flüchten und den sozialen Anschluss verlieren. Auf der anderen Seite richtet sich das Projekt auch an Jugendliche, die durch negative Verhaltensweisen auffällig geworden sind. Hierzu gehören unter anderem Schulversäumnisse, Straffälligkeit oder auch Clanzugehörigkeit.
Ziel des Projektes ist es, diesen Jugendlichen – deren Zukunftsperspektiven aus verschiedenen Gründen – kritisch sind, dazu zu verhelfen, an sich selbst zu glauben und das Beste aus ihrem Leben zu machen. Zu diesem Zweck war geplant, dass sich die Tandem-Gespanne aus „Buddy“ und Jugendlichem nach Möglichkeit für insgesamt mindestens sechs Stunden pro Monat treffen. Im Rahmen dieser Treffen sollten die Jugendlichen Rückhalt erfahren und ein Vorbild bekommen, mit dem sie über ihre Vorstellungen von ihrem eigenen Lebensweg sprechen können und eventuell neue Anreize zur Gestaltung ihres Alltags bekommen.
Doch dann kam nach der Anlaufphase des Projektes alles anders: Die Coronapandemie machte die Treffen der Tandems unmöglich und das gesamte Projekt musste pausieren. Erst ab Oktober 2020 konnten – unter erhöhten Sicherheitsauflagen – wieder Treffen stattfinden. Und für diese Treffen gab es ein ganz besonderes Programm: Einen Fotografie-Workshop bei dem Künstler Michael Godau, in dessen Rahmen sich die Jugendlichen gemeinsam mit ihren Buddies auf einen „Streifzug durch Schalkes Straßen und Gassen“ (Auszug aus dem Bericht vom Jugendnetz Schalke“ machen sollen. Dabei gab es eine klare Aufgabenstellung: "Ihr sollt festhalten, welche Orte ihr kennt, welche Orte ihr schön findet und welche nicht. Welche Orte geben euch ein Gefühl von Heimat, was würdet ihr an Schalke verändern, wenn ihr könntet?" (Jugendnetz Schalke)
Die Idee dahinter war, dass die Tandems während der Streifzüge ins Gespräch miteinander kommen; beispielweise über Kommunalpolitik, über Müll im Stadtbild, die wenigen Grünflächen, verlassene Spielplätze, etc.. Das Jugendnetz Schalke hat die Erfahrungen von drei Jugendlichen und ihren Buddies festgehalten:
„Lukas ist 26 Jahre alt, Tischlergeselle aus Bochum und Teil des Pilotprojektes. Am Anfang des Jahres wurde ihm Jason vorgestellt. Er ist 14, wohnt in Schalke, besucht eine Schule im selben Stadtteil.
Vanessa springt heute für Natalie ein. Die ist der Buddy von Falko, heute jedoch erkrankt. Falko ist 14 Jahre alt. ‚Wir sind aktuell acht Tandems hier in Schalke. Man kennt sich. Wenn einer krank wird, springe ich gerne ein. Ich kenne die Kids und sie mich. Es ist schön Zeit mit ihnen zu verbringen und zu höre, was bisher gelaufen ist‘, erklärt Vanessa zum Thema Vertrauensverhältnis zwischen den Buddies bei der heutigen Aktion.
Marius, Student der Sozialen Arbeit, lässt sich von Danyal, 12, seinen Stadtteil zeigen.
‚Für Jugendliche ist hier echt nicht viel los, vor allem für die, die sich nicht mit dem Begriff Brennpunkt identifizieren‘, sagt einer der Jungs aus dem Ortsteil. ‚Es gibt Hausaufgabenhilfen, Nachmittagsprogramm für Zugewanderte, Jugendtreffs mit Kicker und Billard. Hier wohnen echt viele junge Leute, das kanns doch nicht sein.‘
Vanessa und Falko stehen auf einem Spielplatz Ecke Leipziger Straße. Es regnet, im matschigen Sand fotografieren beide Plastikmüll, Dosen und Zigarettenstummel. ‚Selbst im Sommer wahrscheinlich nicht richtig einladend‘, stellen beide fest.
Unterdessen stehen Jason und Danyal mit ihren Buddies unter der Berliner Brücke zwischen Zeitungen und Radkappen. Die Jungs fotografieren nicht sich in eindrucksvollen Posen im Schatten der Stahlbrücke, sondern Erwerbsarbeit und die Architektur des Schalker Markts.
Wenige Meter weiter stellt Vanessa fest, dass man eine Menge Sperrmüll gesehen habe. Falko hat derweilen Schwierigkeiten Fotos zu schießen: ‚Ich fotografiere normalerweise schöne Sachen, Natur und Menschen.‘
Abends im Jugendzentrum der Amigonianer angekommen ist eines klar: Die Kinder haben viele Fragen.“
Wie kann es sein, dass sie in einem Stadtteil leben, in dem sich der Müll stapelt? In dem sich niemand um die Spielplätze kümmert? Oder um ein angemessenes Angebot für die vielen Kinder und Jugendlichen, die hier leben?
Um die Ergebnisse des Foto-Workshops zu präsentieren und die aufgekommenen Fragen, an die richtigen Personen zu adressieren, fand im November 2020 eine Fotoausstellung statt. Dabei anwesend waren auch Anne Heselhaus (Jugenddezernentin der Stadt Gelsenkirchen) und Herr Obering (Leiter des Referats für Sicherheit und Ordnung der Stadt Gelsenkirchen), die sich den Fragen der Jugendlichen stellten und mit ihnen in Austausch gegangen sind.
Auch wenn dieses Projekt geografisch nicht im Großraum Dortmund angesiedelt ist, hat ProFiliis es dennoch gerne finanziell unterstützt, da das Buddies-Patenprogramm als Pilotprojekt für das gesamte Ruhrgebiet das Potential hat, Kinder und Jugendlichen über den Stadtteil Gelsenkirchen-Schalke hinaus zu erreichen.
Um diese Arbeit zu ermöglichen, hat ProFiliis Mittel in Höhe von insgesamt 5.244 Euro zur Verfügung gestellt, sodass unter anderem die Honorarkosten für die Projektkoordinator:innen gedeckt werden konnten.