Lesecamps in Tansania
Ausgangslage
Das Ministerium für Bildung und Berufsbildung in Tansania (Ostafrika) hat eine Richtlinie festgeschrieben: Jedes Kind in der dritten Klasse soll in der Lage sein, Texte zu lesen und zu verstehen. Dieses Ideal wird jedoch leider nicht überall erreicht. So liegt der Wert, der Drittklässler:innen, die einen Text lesen und verstehen können, beispielsweise in der Region Rukoma im Norden Tansanias nur bei 21 Prozent.
World Vision führt in dieser Region bereits das Rukoma Area Programm durch, das auf 15 Jahre ausgelegt ist und bis 2031 in Kooperation mit lokalen Partnern einen Beitrag zur Verbesserung des Wohlergehens von Kindern, ihren Familien und Gemeinden leisten soll.
Im Gebiet des Förderprogramms gibt es 16 öffentliche Grundschulen. Allerdings war die Bildungssituation – wie der oben genannte Wert von nur 21 % verrät – dort nicht besonders gut. Unzureichende Klassenräume und Mobiliar, fehlende Lehr- und Lernmittel sowie mangelhafte Hygiene- und Sanitäreinrichtungen trugen in den meisten Schulen zu einem schlechten Lernumfeld bei. Auch fehlte häufig Lehrpersonal. Insgesamt werden von der Regierung zu wenig Mittel für Bildung in dieser Region bereitgestellt.
Projekt-Maßnahmen
Über das Alphabetisierungsprogramm „Unlock“ wird den genannten Missständen nun entgegengewirkt. Der Name erklärt sich über den Ansatz „Unlock Literacy“, also „Entfalte deine Lese- und Schreibkompetenz“. Über das Programm soll bis 2025 eine Verbesserung des Lernumfelds erreicht werden, den Schüler:innen soll Zugang zu qualitativ hochwertigem Lernmaterial und einer Leseumgebung ermöglicht werden und so die Lese- und Schreibfähigkeiten der Jungen und Mädchen altersadäquat gefördert werden.
Quelle: World Vision
Für die Projektregion um Rukoma wurde konkret Folgendes geplant:
Errichtung und Ausstattung von 13 Lesecamps, in denen die Schüler:innen nach der Schule an Lesestunden teilnehmen können
Beschaffung und Verteilung von Starter-Kits für die Lesecamps (Blöcke, Geschichtenbücher, Flipcharts und Sitzmatten)
Schulung von Dorfbewohner:innen zu Lesecamp-Betreuer:innen (Verwaltung des Lesecamps und Erstellung von geeigenetem Material)
Dokumentation der Nutzung der Lesecamps, um nachhaltigen Nutzen sicherzustellen
Zwischenbericht: Mai bis September 2024
Sechs der geplanten 13 Lesecamps befinden sich noch in der Renovierungsphase, werden aber schon von Kindern besucht. Für die restlichen sieben Lesecamps wurden neue Gebäude errichtet, die sich kurz vor der Fertigstellung befinden. Aktuell gibt es Lieferschwierigkeiten bei den Wellblechen für die Dachabdeckung.
Für die Ausstattung der Lesecamps wurden bereits über 8.000 Geschichtenbücher angeschafft. Flipcharts und Sitzmatten befinden sich noch im Beschaffungsprozess.
Für die Betreuung der Lesecamps wurden 40 Personen geschult und haben Lehrmethoden sowie Ideen zur Erstellung von Lehrmaterialien kennengelernt (s. Fotos).
Zur Sicherstellung des nachhaltigen Nutzens der Lesecamps wurden – über die Projektdauer von einem Jahr verteilt – vier Überprüfungen und Berichte geplant, von denen zwei bereits stattgefunden haben.
Das Projekt verzeichnet bereits jetzt tolle Erfolge: Vor Beginn des Projektes (März 2024) haben in der Projektregion rund 1.800 Kinder mindestens einmal pro Woche an außerschulischen Leseaktivitäten teilgenommen. Inzwischen trifft dies auf knapp 3.200 Kinder zu, die regelmäßig die neu eingerichteten Lesecamps besuchen (Steigerung um fast 80 %).
An den Maßnahmen des Unlock-Alphabetisierungsprogramms haben insgesamt fast 4.700 Kinder teilgenommen. Hier ist eine Steigerung um über 110 % zu verzeichnen: Vor Projektstart haben in einem Quartal rund 2.100 Kinder an derartigen Bildungsangeboten teigenommen.
Diese Erfolge sind unter anderem auf mehrere Veranstaltungen zur Sensibilisierung bzgl. der großen Bedeutung guter Lesefähigkeiten für Eltern und Betreuer:innen zurückzuführen.
Durch die Einbindung von Gemeindemitgliedern, die gut lesen können und als Betreuer:innen in den Lesecamps geschult wurden, und die Sensibilisierung der Eltern war eine deutliche Verbesserung der Lernsituation der Kinder vor Ort möglich. Es besteht größeres Interesse und auch ein Verantwortungsgefühl bzgl. der Lesecamps, da es den Erwachsenen ein großes Anliegen ist, dass die Kinder gut lesen und schreiben lernen können.
Eines der profitierenden Kinder des Unlock-Projektes ist Herifulano. Sie besucht die dritte Klasse und hatte große Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben: „Sie war nicht in der Lage, verschiedene Buchstaben zu verstehen, die Phonetik zu erkennen und Passagen flüssig und verständlich zu lesen.“ (Zwischenbericht World Vision) Seit sie regelmäßig ein Lesecamp besucht, hat sie große Fortschritte gemacht und traut sich inzwischen sogar, vor der ganzen Klasse vorzulesen: „Bevor ich am Rubale-Lesecamp teilgenommen habe, wusste ich nicht, wie man schreibt und liest. Ich habe mich auch nicht getraut, mich vor meine Mitschüler zu stellen und ihnen eine Geschichte vorzulesen, aber nachdem ich das Lesecamp besucht habe, klappt es jetzt gut mit dem Lernen und ich habe viel Selbstvertrauen entwickelt."
Abschlussbericht im Oktober 2025
Seit April 2025 ist Projekt zur Verbesserung der Lesefähigkeit der Kinder in der Region Rukoma in Tansania abgeschlossen.Dies wurde zum Anlass genommen, erneut Daten bzgl. der Inanspruchnahme von Lesetrainings und den Lese-Fähigkeiten der Kinder zu erheben:
Über 12.000 Kinder sind bei den Lesetrainings registriert, von denen rund 1.200 Kinder an den tiefergreifenden Alphabetisierungsmaßnahmen teilnehmen. „In den letzten 30 Tagen haben 5.215 Kinder (2.793 Mädchen und 2.422 Jungen) mindestens einmal pro Woche an Lesecamps und schulischen Alphabetisierungskursen teilgenommen, verglichen mit 3.174 Kindern […] im dritten Quartal 2024.“ (Auszug aus dem Projektbericht) Das ist eine Steigerung von über 60 %, was zeigt, dass die Kinder das Projekt gerne annehmen.
Sowohl personell als auch mit Blick auf das pädagogische Material konnten die Ressourcen aufgestockt werden: „Insgesamt wurden 83 Lehrkräfte (51 Männer und 32 Frauen) sowie 107 ehrenamtliche Betreuungspersonen (26 Männer und 81 Frauen) mit den Methoden von ‚Unlock Literacy‘ vertraut gemacht, um einen effektiven Lese- und Schreibunterricht zu gewährleisten. World Vision verteilte außerdem 8.250 Bilderbücher mit 50 Titeln sowie verschiedene Lern- und Sportgeräte, darunter 39 Springseile, 13 Fußbälle, 13 Netzbälle, 26 Schreibtafeln, 40 Sitzmatten, 39 Anwesenheitslisten, 350 kleine Schreibtische und 13 Eisenkoffer.“ (Auszug aus dem Projektbericht)
Ein wichtiger Bestandteil des Projektes ist die Einbindung der Gemeinschaften vor Ort und deren Bereitschaft, Verantwortung für die Lesecamps zu übernehmen: „Während des Berichtszeitraums wurde das Projekt ‚Unlock Literacy‘ auf partizipativer Basis umgesetzt. Das Projekt unterstützte die Lesecamps mit den notwendigen Materialien, während die Gemeinde ausschließlich für die Bereitstellung von Arbeitskräften und lokalen Materialien zuständig war.“ (Auszug aus dem Projektbericht) Die Renovierungen der 13 Lesecamps wurden demnach mit großer Unterstützung durch die Gemeinden und die Eltern der Schüler:innen geleistet. Lediglich Baumaterialien wurden zum Teil von World Vision bereitgestellt.
Samstags, wenn die Schulen geschlossen haben, finden im Rahmen des „Unlock Literacy“-Programms Leseclubs für alle Kinder der Klassen 1 bis 3 statt. Einmal pro Woche betreuen vier „Leseclub-Moderatoren“ für 1,5 Stunden durchschnittlich 69 Kinder. Sie ermöglichen ihnen den Zugang zu Lernmaterial und unterstützen sie bei der Verbesserung ihrer Lese- und Schriebfähigkeiten.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass…
…durch die Renovierungsarbeiten, die Lernumgebung verbessert wurde, die Klassenzimmer sicherer und komfortabler wurden und so ein effektiver Alphabetisierungsunterricht möglich ist.
…durch die Bereitstellung von ansprechendem Lesematerial ein kinderfreundlicheres und integrativeres Lernumfeld geschaffen wurde und so die aktive Teilnahme an Leseaktivitäten und spielerischen Angeboten gefördert wird.
…durch die umfassende Beteiligung der Gemeinde deren Verantwortungsbewusstsein gestärkt wurde. So können die Lesecamps zu einer nachhaltigen Maßnahmen werden und ihre Wirkung für die Mädchen und Jungen langfristig maximiert werden.
Und bezüglich des Kernziels des Projekts lässt sich festhalten, „dass der Anteil der Kinder, die einen Text der dritten Klasse mit Verständnis lesen können, von 23 % [in 2023] auf 66 % gestiegen ist.“ (Auszug aus dem Projektbericht)
Die letzte Worte unseres Projektberichtes überlassen wir der neunjährigen Lenia, die von ihren Erfahrungen mit dem Lesecamp in ihrer Gemeinde berichtet:
„Mein Name ist Lenia, ich bin neun Jahre alt und wir sind eine Familie mit vier Brüdern und zwei Schwestern. Ich lebe mit meinen Eltern Respicius (Vater, 48 Jahre) und Stella (Mutter, 39 Jahre) zusammen. Unsere Eltern leben von der Landwirtschaft, die unserer Familie nur die Grundbedürfnisse wie Nahrung und Kleidung sichern kann. Leider können die Verdienste aus der Landwirtschaft die Zahlungen der Schulgebühren für meinen Förderunterricht nicht decken. Diese Situation führte dazu, dass ich insbesondere beim Lesen nicht mithalten konnte. Eines Tages, als ich auf dem Heimweg von der Schule war, hörte ich meine Mitschüler über ein „Lesecamp” sprechen. Sie sagten: „Ein Lesecamp ist Teil des lokalen Bildungssystems der Gemeinde und soll die Lesefähigkeiten der Kinder verbessern, damit sie kompetent und flüssig lesen können.” Mein Freund erklärte mir, dass die Lernmethoden im Camp Geschichtenerzählen, Spiele und gemeinsames Lesen umfassen. Ich war sehr daran interessiert, an dem Lesecamp teilzunehmen. Mein Freund erzählte mir auch, dass die Lesecamps von World Vision ins Leben gerufen wurden, um Kindern wie mir zu helfen. Am nächsten Tag bat ich meinen Vater, mich anzumelden, damit ich mit meinen Mitschülern im Lesecamp lernen konnte. Ich wurde mit Freude aufgenommen und fühlte mich sehr geliebt. Der Unterricht begann mit Liedern und verschiedenen Spielen, die uns halfen, uns kennenzulernen und einander näher zu kommen. Seit ich zum Lesecamp gekommen bin, vertrauen mir meine Lehrer und ich habe Selbstvertrauen gewonnen. Ich bin jetzt in der Lage, vor meinen Mitschülern zu stehen und sie in verschiedenen Fächern zu unterrichten. Ich möchte World Vision für die guten Initiativen zur Unterstützung von Kindern danken, insbesondere denen, die sich die Unterrichtsgebühren in privaten Zentren nicht leisten können. Unser Traum ist im Lesecamp in Erfüllung gegangen, und ich bin stolz darauf, zu den Schülern in unserer Klasse zu gehören.“
Die Rolle von ProFiliis
Da für die Kinder aus Rukoma eine gute Bildung der Schlüssel für eine Zukunft ohne Armut ist, unterstützt ProFiliis World Vision sehr gerne bei der Durchführung des Alphabetisierungsprogramms und hat zu diesem Zweck mit knapp 55.000,- Euro 100 % der benötigten Mittel bereitgestellt, mit denen unter anderem die Renovierung und Ausstattung von Lesecamps sowie die Bereitstellung von Starter Kits sichergestellt wird. Außerdem hat ProFiliis zum Beispiel Trainings und Workshops für die Betreuer:innen der Lesecamps und verschiedene Maßnahmen zur Qualitätssicherungfinanziert.
Zum Hintergrund:
World Vision wurde 1979 gegründet und setzt sich seitdem weltweit für die Rechte von Kindern ein, die mit Armut und Ungerechtigkeiten konfrontiert sind. Mit den Arbeitsschwerpunkten nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit, humanitäre Hilfe und entwicklungspolitische Anwaltschaft versucht World Vision im Leben der Kinder anhaltende Verbesserungen zu erzielen. So werden mit Patenschaftsbeiträgen etwa medizinische Versorgung und der Zugang zu Bildung sichergestellt und im Rahmen der Katastrophenhilfe werden Menschen unterstützt, die zum Beispiel durch ein Erdbeben ihr Zuhause verloren haben. Außerdem setzt sich World Vision auf politischer und wirtschaftlicher Ebene dafür ein, dass die Interessen von bedürftigen Menschen Berücksichtigung finden. Im Jahr 2010 führte World Vision Deutschland 289 Projekte in 51 Ländern durch. „Als Christen unterschiedlicher Konfessionen helfen die Mitarbeiter von World Vision weltweit Menschen in Not, unabhängig von ethnischer Herkunft, Religion oder Nationalität. World Vision Deutschland ist Teil des weltweiten World Vision-Netzwerks, das in fast hundert Ländern aktiv ist.“ (Selbstbeschreibung von World Vision)
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